Alle sprechen von diesem neuen Journalismus. Kuratieren, twittern, Daten visualisieren, bei Google+ und Facebook öffentliche Profile haben, bei WordPress oder Tumblr bloggen – all das gehört zum neuen Werkzeugkasten eines frisch gebackenen Redakteurs. Doch ist das wirklich so? Verwundert stellen Coaches oder Redakteure in Ausbildungsseminaren fest, dass die meisten Volontäre weder twittern, noch einen Facebook-Account nutzen – zumindest lässt sich das immer wieder bei Twitter lesen. Warum auch? Geht es nicht einfach auch in erster Linie um die Inhalte? Sind die ganzen Apps, Netzwerke und Blog-Tools nicht einfach nur Mittel zum Zweck, manchmal gar Selbstzweck?

Ich absolviere gerade ein Volontariat bei einem großen deutschen Fernsehsender. Die Ausbildung ist intensiv und facettenreich. Ich beschäftige mich inhaltlich in erster Linie mit Politik, Wirtschaft sowie Internetthemen (auch wenn alle Themen mit dem Internet zu tun haben, Ihr wisst schon, was ich meine) und lerne wie man diese für Fernsehen und für Online aufbereitet. Nicht zuletzt verfolge ich intensiv die Debatten über den Medienwandel.
Was aber soll mit Blick auf diesen Medienwandel folgen, wenn ich die Ausbildung absolviert habe? Wie soll ich als frisch gebackener Redakteur die ganzen Dienste sinnvoll nutzen? Was ist der Mehrwert für den Zuschauer, für den Leser, für mich?
Teil 1 mit Stefan Plöchinger und Christian JakubetzDa dies eine ziemlich spannende Diskussion ist, habe ich mir gedacht, ich frage einfach mal bei verschiedenen Chefredakteuren und Medienmachern nach, was sie machen würden, wenn sie jetzt ihr Volo beenden würden. Es geht um das Bauchgefühl derer, die sich berufsbedingt tagtäglich mit den Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des medialen Wandels auseinandersetzen. Es geht dabei natürlich nicht um persönliche Tipps für meine weitere Zukunft, sondern um eine öffentliche Diskussion darüber, was junge Redakteure heute leisten können, müssen, wollen und sollen. Bei der ersten Runde meiner Serie waren Christian Jakubetz und Stefan Plöchinger dabei. Heute geht es in die zweite Runde mit Thomas Knüwer, der freundlicherweise auch mitmacht.
Thomas Knüwer: “Massive Digital-Kompetenz!”
Thomas Knüwer gehört zu den alten Bekannten der deutschen Blogosphäre. Knüwer hat BWL in Münster und Berkeley studiert, bevor er von 1995 bis 2009 als Redakteur, Reporter und Ressortleiter beim Handelsblatt gearbeitet hat. Im November 2009 hat er die Unternehmensberatung kpunktnull gegründet. Thomas Knüwer bloggt regelmäßig auf Indiskretion Ehrensache streitbare Artikel über alles, was ihn in seinem Medienalltag so auf- und einfällt. Knüwer ist leidenschaftlicher Fan von Preußen Münster & hat 21.000+ Twitter-Follower.
“It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness…”
So beginnt Charles Dickens seinen Roman “A tale of two cities”. Nichts trifft die aktuelle Situation von Volontären besser. Deutschland hat großen Bedarf an onlinekundigen Journalisten. Wer das Web begreift, wer digital und vor Ort recherchieren kann, für wen das Social Web ein Alltagsinstrument darstellt – der hat alle Chancen. Und das nicht nur in klassischen Medienhäusern: Die aufkeimenden digitalen Marketing-Abteilungen großer Unternehmen suchen ebenso journalistisch gebildete Kräfte mit Digital-Kompetenz. Schließlich entstehen neue Online-Dienste wie die deutsche Huffington Post oder WSJ.de. Und vergessen wir nicht: Wer für ein Thema wirklich brennt, der kann es auch als freier Journalist schaffen.
Allein: Es gibt viel zu wenig digitalwillige Journalisten in Deutschland. Auch in den Ausbildungsgängen stellt das Netz oft nur einen Randaspekt dar. Menschlich ist das verständlich: Onliner verdienen meist weniger, als Kollegen aus klassischen Bereichen – und haben außerdem innerhalb der Redaktion den Ruf der billigen Schreibknechte.
Doch letztlich wird das Internet nicht irgendwann vollgeschrieben sein und abgeschaltet. Der Medienwandel deutet eindeutig Richtung Web. Wer im Jahr 2012 sein Volontariat beendet und glaubt, es ohne massive Digital-Kompetenz bis zur Rente zu schaffen, dem ist viel Glück zu wünschen: Er wird es bitter nötig haben.

Das Web ist also der Schlüssel zur journalistischen Zukunft! Da ist sich nicht nur Thomas Knüwer sicher, sondern auch die beiden anderen Gast-Blogger aus meiner Serie zu den Chancen, Risiken und Nebenwirkungen frischer Redakteure kommen zu dem gleichen Ergebnis: Stefan Plöchinger ist der Meinung, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, Newsblogger zu werden, und Christian Jakubetz rät dazu, sein eigenes Ding zu machen, um bloß kein Redaktionsbeamtendasein zu pflegen. Alles spricht für Online. Nichts geht ohne das Netz.
Aber was rät einer, der sein Geld bislang nicht in erster Linie im Internet verdient? Ein alter Hase aus dem Radio-, Print- oder Fernsehgeschäft? Spiegeln sich in meiner Serie vielleicht einfach nur alte Grabenkämpfe wider? Geht es um Online Vs. Offline? Was meint Ihr? Ich finde es jedenfalls spannend und verspreche, dass die Antwort schon sehr bald an dieser Stelle folgt! Zur Inspiration gibt es hier noch ein BBC-Panel, bei dem darüber diskutiert wird, wie sich die BBC, der Guardian und die Washington Post für den digitalen Wandel fit machen können und was sich an der täglichen Arbeitsweise ändern müsste.
Teil 1 mit Stefan Plöchinger und Christian Jakubetz
